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Die soziale Spaltung des Eurolandes



Am 1. Januar 2002 wurde der Euro Zahlungsmittel in mittlerweile 17 Staaten Europas. Misstrauisch beäugt vom Rest der Welt, wurde die neue Währung zunächst ein Riesenerfolg. Vor allem die südlichen Länder der Eurozone profitierten enorm vom Zugang zu den internationalen Finanzmärkten mit ihren niedrigen Zinsen.

Ein Bauboom brach los, mit dem Spanien, Griechenland, Portugal und auch Irland ihre bukolischen Landschaften zubetonierten. Zweit- und Drittwohnungen besassen nun auch Leute mit eher bescheidenem sozialen Standard. Dank hemmungsloser öffentlicher und teilweise auch privater Verschuldung schwoll der Geldumlauf an, stiegen die Einkommen in ursprünglich armen Ländern auf das Niveau der reichen Staaten der Eurozone.

Die Arbeitslosigkeit in den Südländern sank, bis sie 2007 kaum mehr höher war, als in den nördlichen Ländern. Spanien schickte sich an, Italien im Pro-Kopf-Einkommen zu überholen. Die Preisniveaus kletterten so lange, bis die Lebenshaltungskosten in manchen Südländern höher waren als im Norden. Die Motorisierung und die Handy-Dichte erreichten in Italien den Weltrekord.

Als mit der Lehman-Pleite 2008 das Finanzsystem aus den Fugen geriet und im April 2010 Griechenland vor der Staatspleite stand, erwies sich, dass der Boom des Südens auf Sand gebaut war. Nicht nur die Südländer und Irland waren betroffen: auch die Niederlande kämpften mit Haushaltsproblemen und Österreich bangte um die enormen Investitionen seiner Banken in Osteuropa.

Seither unterziehen sich die betroffenen Staaten zum Teil drastischen Sparprogrammen, um Bonitätsverluste oder gar einen Staatsbankrott abzuwenden. Mit Barsubventionen und Garantien gelang es bisher der Troika von EU, Europäischer Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds, alle Länder über Wasser zu halten.

Zwar stürzten einige Regierungen wegen der Krise, aber nirgendwo wurden Politiker, die jahrelang hemmungslos Schulden gemacht hatten, zur Verantwortung gezogen. Sie sitzen weiter in den Parlamenten und bestimmen über Sparprogramme, deren Entstehung sie selbst zu verantworten haben, und kritisieren womöglich diese Programme. Aus dem Versagen der Politik wurde ein Versagen der Justiz.

Der Rückgang der staatlichen Neuverschuldung wirkte auf die Wirtschaft der betroffenen Länder wie Entzug auf einen Süchtigen. Das ehedem so üppig geflossene Geld wurde knapp, der Pleitegeier pickte die Schwächsten heraus, die Wirtschaft sank in die Rezession. Die Industrieproduktion kennt seither nur eine Tendenz: abwärts. Überall werden Leute entlassen, in Rente geschickt. Die Arbeitslosigkeit schiesst in die Höhe und trifft vor allem junge Menschen.

Man sollte meinen, die Sparmassnahmen würden die Kaufkraft verringern und dadurch einen Rückgang der Preise bewirken. Das Gegenteil ist der Fall. Die Inflation steigt, weil alle öffentlichen Versorger die Tarife anheben — von den Postgebühren bis zur Müllabfuhr. Steuererhöhungen treffen Heizöl, Treibstoffe, Tabak und Spirituosen. Erstaunlicherweise steigen auch die Preise von Gemüse und Obst, vielleicht, weil viele Verbraucher von teuerem Fl;eisch und Fisch auf eine mehr vegetarische Diät ausweichen. Nur Unterhaltung und Freizeitvergnügen werden billiger. Steuererhöhungen, Arbeitslosigkeit und Inflation addieren sich zu einem massiven Verlust an Massenkaufkraft.

Der Wohlstand in den betroffenen Ländern sinkt auf Niveaus der achtziger Jahre und darunter. Damit stirbt ein ganzes Luxussegment der Wirtschaft, das sich in den goldenen ersten Euro-Jahren entwickelt hatte, vom Schulbusdienst bis zur Pediküre. Millionen junger Menschen, die ihre Ausbildung und ihre Firmengründungen auf diesen scheinbar lukrativen Sektor ausgerichtet hatten, finden sich nun arbeits- und einkommenslos. Schlimmer noch: ihre Fehlorientierung behindert ihre Wiedereingliederung in andere Berufe, für die sie entweder unqualifiziert oder überqualifiziert sind. Es gibt nicht mehr genug Müllkutscher- und Taxifahrerstellen für arbeitslose Akademiker. Banken und Versicherungen specken ab, die Autobranche schrumpft, die Baubranche liegt darnieder. In Spanien geht die Handy-Nutzung so stark zurück, dass die Branche zu Massenentlassungen gezwungen ist. Qualifizierte Handwerker und ein paar IT-Spezialisten sind noch gefragt in der neuen, mageren Süd-Wirtschaft.

Die Statistikbehörde Eurostat und die OECD notieren besorgt, dass die Sozialstruktur der Eurozone auseinanderfällt. Während die Nord-Wirtschaften weiterhin wachsen und mit Engpässen am Arbeitsmarkt kämpfen, gehen die Südwirtschaften im Krebsgang und melden monatlich neue Rekorde der Arbeitslosigkeit. Es stellt sich wieder der Zustand der Armut ein, der vor der Einführung des Euro herrschte.

Athen ist immer noch eine der teuersten Städte Europas. Wer erinnert sich an die sechziger Jahre, als in einem Landhotel in Griechenland das Zimmer mit Bad umgerechnet 15 D-Mark kostete, und eine Tasse Kaffee, eine Wassermelone oder ein Schnaps 1 Drachme, also sieben Pfennig?

Selbst innerhalb der Südländer differenziert sich die Sozialstruktur in Nord und Süd. Dem Baskenland mit seiner leistungsfähigen Industrie und geringen Verschuldung geht es gut, während der Rest Spaniens tief in die Rezession taucht. Der Norden Italiens stellt Arbeitskräfte ein, während im Süden und auf den Inseln die notorische Arbeitslosigkeit auf neue Rekordmarken steigt.

Der Traum von einem gleichmässig wohlhabenden Europa ist ausgeträumt. Nur mit grösster Mühe konnte bisher verhindert werden, dass Griechenland den Euro verliert und dadurch zu einem wirtschaftlichen Satelliten der benachbarten Türkei absteigt. Die Dritte Welt nagt am Südrand Europas, könnte man verkürzt sagen. Kalabrien und die Provinz Agrigent in Sizilien halten den Rekord der Arbeitslosigkeit und Armut in Italien. "Calabria Saudita" spotten die Norditaliener, "Saudi-Kalabrien". Auswanderung ist erneut die einzige Chance, doch auch dafür muss man qualifiziert sein, will man nicht als Pizzabäcker in Konkurrenz mit Bolivianern, Bangladeshi oder Filipino antreten.

So besorgniserregend die soziale Spaltung der Eurozone erscheint, sollte man doch nicht voreilig das Ende des Euro als wirtschaftliche Klammer der 17 Staaten ausrufen. Ein Blick in die USA zeigt, dass reiche Staaten wie Massachusetts und arme wie Louisiana problemlos eine gemeinsame Währung haben können, vorausgesetzt, die Währungs- und Finanzpolitik ist zentralisiert. Dies zu erreichen, ist die Aufgabe der nächsten Jahre.

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—— Benedikt Brenner